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Urlaub bei Rockstars in den Hollywood Hills

Im Urlaub gibt es viele Arten zu wohnen. Egal ob Hotel, Motel*, Airbnb* oder Camping, alles hat sein Für und Wider. Hotels bieten einem eine gewisse Anonymität und Vertrautheit, denn man kennt das System und erlebt in der Regel keine Überraschungen. Airbnbs haben den Vorteil, dass man unter Umständen etwas von den Hosts erfährt, was der Reiseführer nicht auszuspucken im Stande war. Camping steht hingegen für absolute Freiheit und Mobilität auf Reisen.

Dennoch gibt es eine Art der Unterkunft, die nicht zu schlagen ist: Zu Gast bei Freunden zu sein. Insbesondere wenn diese in einer kleinen Burg in den Hollywood Hills leben.

Ankommen

Es ist neun Uhr Abends und ich steuere unseren gerade gemieteten SUV wie in Trance durch die mir völlig unbekannten Straßen von Los Angeles. Ich weiß noch nicht einmal, ob wir uns vielleicht gerade in einer der Gegenden befinden, die ich zuvor aus Sicherheitsgründen kategorisch ausgeschlossen habe. Immerhin liegt schon der Flughafen in Inglewood, dem Vorhof zu so feinen Stadtteilen wie Compton oder South Central. Es ist mir auch egal. Ich will nur noch ankommen und etwas essen. Allein der Flug von London nach LA hat 11 Stunden gedauert, ganz zu schweigen vom dortigen Aufenthalt und dem Kurzstreckenflug von Düsseldorf dorthin. Wie lange wir schon unterwegs sind? Ich habe den Überblick komplett verloren.

Das Handy prophezeit eine verbleibende Fahrzeit von 20 Minuten. Ich bin froh, dass es das überhaupt tut, denn ich habe daheim vergessen die SIM Karte zu aktivieren. Ein überaus freundlicher Mitarbeiter eines kleinen Handyladens am Flughafen war so nett und hat sich aufopferungsvoll meines Problems angenommen. Mit Erfolg, wie ich hinzufügen möchte. Hätte das nicht geklappt, wären wir nun ohne Navigation unterwegs.

Um diese Uhrzeit tobt das Leben noch immer auf den Straßen der Großstadt und das Navi hat wenig Erbarmen mit mir. Es führt mich, dessen einzige Kenntnis der Verkehrsregeln auf dem Schauen von Youtube Tutorials beruht, mitten durch Hollywood, dem Knotenpunkt des nächtlichen Schaulaufens. Zum Glück sind die Regeln hier einfach und die Amis nicht so verbissen wie deutsche Autofahrer. Mit einer gesunden Mischung aus Rücksicht und Dreistigkeit gelingt es mir, mich in den Verkehrsfluss zu integrieren, ohne großartig negativ aufzufallen.

Ankunft in den Hills

Noch fünf Minuten, meldet die krächzende Stimme aus dem Telefon, die die Straßennamen in einer Art und Weise ausspricht, dass einem trotz aller Müdigkeit die Tränen kommen vor Lachen. „Kawunga Bullewahr“ tönt es, obwohl eigentlich der „Cahuenga Boulevard“ gemeint ist, die letzte große Straße, bevor es für uns aufwärts geht. Hoch in die Hügel der Traumfabrik, zum ersten Ziel unserer langen Reise.

Das Gartentor steht offen und wird von einem Ziegelstein in Position gehalten. Nun, das bedeutet wohl, dass Dean, so heißt unser Gastgeber, uns schon erwartet. Kein Grund zu schellen also. Wir stolpern im Halbdunkel die vielen kleinen Treppenabsätze hinauf zur schweren, dunklen Haustür des komplett in grau gehaltenen Hauses. Über dem Eingangsbereich thront ein kleiner Turm, der das Haus wirklich wie eine Burg aussehen lässt. Er hat im Vorfeld nicht zu viel versprochen, als er sein Anwesen liebevoll „Castle Karr“ nannte.

Rockstars in den Hollywood Hills

Deans Haus in den Hills

Bevor ich überhaupt klingeln kann, hat uns das Überwachungssystem schon erfasst und Dean darüber informiert, dass sich jemand auf dem Grundstück befindet. Die Tür geht auf und er begrüßt uns mit einem strahlenden Lächeln, dem ein lautes „Heeeey folks! Come on iiiiin!“ folgt.

Wiedersehen

Dean ist in seinen Fünfzigern. Neuerdings färbt er sich die Haare nicht mehr, sodass die schulterlange Mähne in einem silbergrau daherkommt. Die schwarze Brille und der graue Bart runden das Bild ab. Man fühlt sich sofort an den Dude aus „The Big Lebowski“ erinnert. Gemütlich wie er ist, stecken seine, durch einen Unfall ramponierten Füße in Flip Flops, was er mit so ziemlich jedem Amerikaner gemeinsam hat. Nur das am Bauch leicht spannende „Godflesh“-Shirt tragen wohl die wenigsten Amis. Selbst die Nachbarn wissen jetzt, nach der lautstarken Begrüßung, dass wir da sind, sollte das Geräusch unserer Kofferrollen das noch nicht erledigt haben.

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Castle Karr

Von Innen versprüht das Haus noch mehr den Charme einer Burg, als es die dunkelgraue Fassade von außen kann. Mit den schweren Holzdielen und dem gigantischen Kronleuchter im Flur schreit es förmlich „Addams Family“. Es fehlen nur noch Morticia und Cousin It. Ich sehe ein wenig Angst in Jennys Augen. Mit einer derart düsteren Bleibe hat sie nicht gerechnet. Dass es nicht das Zuckerwatteschloss sein würde war klar, aber das hier muss man erst einmal verdauen, wenn man es nicht gewohnt ist.

Man muss dazu sagen, dass Dean sein Geld mit Fotografie und dem Dreh von Musikvideos verdient. Nur selten ist bei diesen Drehs mal ein Künstler dabei, der nicht der Metal-Szene zuzuordnen ist, was sich auch in der Gestaltung des Hauses wiederspiegelt. Überall hängen oder stehen Requisiten seiner Arbeit. Sei es das riesige Bild seines Videodrehs von Marilyn Mansons „Sweet Dreams“, dem signierten Gipskopf von Ozzy Osbourne aus dem Video zu „I just want you“ oder die Axt des kleinen Mädchens aus Amens „Price of reality“, die unser Gästezimmer schmückt.

 
Rockstars in den Hollywood Hills

Ozzy Osbournes Gipskopf aus "I just want you"

 

Die ganze Hütte verkörpert Rock’n’Roll mehr als so manche Band es tut. Über die Axt freue ich mich natürlich ganz besonders. Dean weiß, dass ich Amen über alles liebe und hat sie als kleines Gimmick neben unser Bett gestellt, zusammen mit einer Collage aus Fotos von Maynard James Keenan, dem Sänger von „Tool“ und „A Perfect Circle“, sowie einer Sammlung Fotos von Manson.

Nach einer kurzen Tour durch das Haus und ein paar notwendigen Erklärungen zu Alarm, Parkplatz und Besonderheiten der Küche, schaut Dean uns an und sagt: „Damn, you look fuckin‘ hungry! What about burgers? Want some?“

Wer wären wir, wenn wir dazu nein sagen würden und so endet unser erster Abend mit frisch gegrillten Burgern auf der Couch.

Abendprogramm

Während auf dem riesigen Fernseher, der zwischen zwei Flipperautomaten steht, eine Folge „Judge Judy“ vor sich hinplärrt, leeren wir eine Flasche Wein zusammen und gehen die Plattensammlung durch, die neben dem abgetrennten Kopf von Dave Matthews auf einem kleinen Schrank im Wohnzimmer steht. Der Kopf aus dem Video zu „Don’t drink the water“ ist in bester Gesellschaft von Eddies Kopf, der für Iron Maidens „Brave new world*“ Cover benutzt wurde. Eingerahmt wird das Ganze von zwei vertrockneten Kadavern, einem Schweinefötus und einer mumifizierten Katze. Ich gebe zu… das muss man mögen.

Rockstars in den Hollywood Hills

Iron Maidens Eddie aus "The Wicker man" und Dave Matthews Kopf aus "Don't drink the water"

Die Plattensammlung selbst hat ein besonderes Schmankerl zu bieten. Vornan steht das seltene Cover von Panteras „Far beyond driven*“, dessen Cover Dean gestaltet hat. Das Original zeigt Phil Anselmos nackten Arsch, in dem ein Bohrer steckt, doch da Walmart die CD so nicht in die Läden stellen wollte, wurde die Version vom Markt genommen. Schade, denn „Metal up your ass“ wäre zu einer Zeit, zu der Metal vollkommen uncool war, eine schöne Message gewesen. Stattdessen kam das blaue Cover mit dem Bohrer in der Stirn in die Läden.

Der erste Morgen

Am nächsten Morgen schallt Deans Stimme durch die Flure. „All aboaaaard!“, heißt es. Wir strecken unsere von Jetlag geplagten Köpfe aus der Tür und fragen was los sei. „I‘ll take you on a little tour“, antwortet er und gibt uns ein schmales Zeitfenster, um halbwegs tageslichttaugliche Menschen aus uns zu machen.

Das Wasser in der Dusche braucht eine halbe Ewigkeit um heiß zu werden, was umso nerviger ist, wenn man versucht möglich wenig davon zu verbrauchen. „The drought is upon us“. Der Satz hat sich in der kurzen Zeit in Kalifornien bereits eingeprägt, denn er findet sich an jeder Ecke wieder. Die Dürre macht der Westküste wirklich zu schaffen.

Da es an Energie zum Glück nicht mangelt, schalte ich den Heizlüfter ein, der in perfekter Höhe neben der Toilette in die Wand integriert wurde, denn es ist für kalifornische Verhältnisse recht frisch an diesem Morgen. Während der morgendlichen Sitzung auf dem Porzellan-Thron fällt mein Blick auf ein Bild neben dem Waschbecken. Darauf ist ein Typ, auf dessen Shirt der Slogan „Nurses do it better“ prangt. Ich weiß bis heute nicht wer genau das wohl sein mag. Eins ist jedoch klar… Seine Jeans sind gut zwei Nummern zu eng und er hat ein Ersatzpaar Socken dabei, hoffe ich zumindest.

Als wir unsere müden Körper ins Erdgeschoss wälzen, grabscht Dean nach seinen Schlüsseln, grinst wohlwissend wie man sich nach einem so langen Flug fühlt und führt uns zu seiner Garage. Ich frage noch kurz ob ich vielleicht fahren soll, aber er verneint und öffnet das schwarze Garagentor. Mein erster Blick fällt auf eine Lebensgroße Figur eines der Kämpfer aus Mortal Kombat. Dean hat einen Werbespot für die Videospielreihe gedreht und diesen lebensgroßen Kameraden als Andenken behalten.

Mit dem Challenger durch Hollywood

Der zweite Blick jedoch fällt auf etwas wirklich Böses, Grünes… Lautes. Als Fan von Autos und allem, was einen Motor besitzt, geht mir das Herz auf. Ein 1970er Dodge Challenger R/T440 Six Pack. 375 PS treiben dieses grüne Biest von Muscle Car an und es ist, wie Dean mir versichert, unverbastelt und mit allen Originalteilen, den Motor eingeschlossen. Seit 16 Jahren hat er dieses Schätzchen. Während der Dampfhammer böse fauchend und blubbernd aus der Garage rollt, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Allein der Geruch, den der Wagen von sich gibt, löst Glücksgefühle aus. Eine Mischung aus Öl und verbranntem Gummi macht sich breit, sobald man den Schlüssel im Zündschloss dreht.

Rockstars in den Hollywood Hills

Auch der Dodge hat seinen Auftritt in Iron Maidens Video "The Wicker man"

Unsere Fahrt führt durch die Hollywood Hills und über den Mulholland Drive, vorbei am Jerome C. Daniels Overlook, von dem aus man einen perfekten Blick über die Stadt hat. Man kennt die Einstellung aus zig Filmen und gefühlt jedes zweite Foto von Los Angeles wurde wohl von hier geschossen. Die Hollywood Bowl*, DIE große Open Air Konzert Arena, liegt uns zu Füßen. Hier hat schon alles gespielt, was Rang und Namen hat. Von Ella Fitzgerald, The Beatles, Hendrix, Jefferson Airplane… es ist leichter aufzuzählen, wer hier noch nicht gespielt hat. Eines haben jedoch alle gemeinsam. Sie haben eine gewisse Klasse. Hier gibt es keine affigen Chartpartys. Wenn du in der Bowl gespielt hast, bist du definitiv in der Champions League angelangt.

Rockstars in den Hollywood Hills

Mit "Greeny" am Jerome C. Daniels Overlook

Rockstars in den Hollywood Hills

Das Nummernschild sagt alles... "METALGOD"

Rockstars in den Hollywood Hills

Beste Aussicht auf LA

Frühstück in einer Film Location

Wie in der Champions League fühlt es sich auch an, mit dem Dodge durch die Hügel Hollywoods zu cruisen. Das Hollywood Sign zu unserer Linken, machen wir uns auf den Weg etwas zu frühstücken. Der 101 Coffee Shop* scheint uns die perfekte Adresse dafür. Passend zum Look, der mit der langen Theke, den Steinwänden und den mit beigem Leder versehenen Sitzecken vollkommen dem typischen Hollywood-Flair entspricht, wurden hier auch schon Filme gedreht. „Swingers“ aus dem Jahre 1996 und Teile der Serie „Entourage“ sind hier entstanden.

Ich bestelle ein Sandwich mit Rührei und hash browns, bekomme aber etwas, das sehr nach Burger aussieht und auch geschmacklich nichts von einem Sandwich hat. Wenn das hier ein typisches amerikanisches Frühstück darstellt, werde ich für den Rückflug zwei Sitze brauchen, das steht fest.

 
Rockstars in den Hollywood Hills

John Lennon, The Eagles, David Bowie und the Cure... Jukebox im 101 Coffee Shop

 

Backstage bei Jonathan Davis

Während des Frühstücks geht das Telefon. Es ist Kim, eine Freundin von Dean. Seinem Gesicht nach zu urteilen, ist es ein recht erfreuliches Ereignis, über das die beiden da so amüsiert reden. Zum besseren Verständnis muss man erwähnen, dass Kim Kunsthändlerin ist. Allerdings ist sie nicht irgendeine, sondern DIE Kunsthändlerin der Rockstars. Sie bringt entweder die Kunst der Musiker an den Mann oder sorgt für adäquate Kunstwerke in deren Räumlichkeiten. Wie auch immer, sie ist mit halb Hollywood verbandelt und hat ihre zarten Füße in jeder nur erdenklichen Tür.

Als Dean auflegt, erfahren wir, dass Jonathan Davis, Frontmann der Band „Korn“, morgen einen Auftritt mit seinem Soloprojekt in Downtown haben wird. Kim hat, zusammen mit H.R. Giger, Jonathan Davis Mikrofonständer entworfen. Nun sollen die Originalskizzen von ihm unterzeichnet und anschließend zu einem guten Zweck versteigert werden. Lächelnd fragt Dean uns: „What are you up to tomorrow night? Wanna join us and meet John backstage? We got some business with him.“

Im Handumdrehen ordere ich zwei Tickets via Smartphone, da ich nicht unverschämt sein will und als Parasit gratis mit zu dem Konzert gehen möchte. Das gehört sich nicht, wenn man schon so eine Chance bekommt. Natürlich werfen wir alle Pläne über den Haufen und willigen ein. Die Show findet im „Belasco Theater“ statt, einem Ort, der an sich schon einen Besuch wert ist, denn unter anderem wurde der Film „The Prestige“ dort gedreht. Insgeheim danke ich dem Umstand, dass im Sequoia National Park noch Schnee liegt, weshalb wir drei Tage vor Abreise eine spontane Planänderung vorgenommen haben und somit drei Tage mehr in LA zur Verfügung haben. Die werden wir brauchen, wenn das hier so weiter geht.

Zurück in Castle Karr

Wieder zuhause in den Hills angekommen, lernen wir Kim endlich persönlich kennen. Bislang hatte ich nur von ihr gehört, sie aber noch nie gesehen. Eine dunkelhaarige, zierliche Person, die mit ihrer schwarzen Brille im positiven Sinne nerdig aussieht und viel jünger wirkt, als sie eigentlich ist. So wie alle anderen Amerikaner, die wir auf unserer Reise treffen, ist auch Kim vollkommen unvoreingenommen und offen. Es fühlt sich an, als würde man sich schon ewige Zeiten lang kennen, ohne aber dabei oberflächlich zu wirken.

Kim ist beruflich bedingt ebenso verwurzelt in der Rock- und Metalszene wie Dean, hat die letzten Jahre jedoch nicht in Kalifornien verbracht. Sie startet gerade wieder durch und plant eine große Ausstellung mit bisher unveröffentlichten Fotos von David Bowie, Johnny Depp, Robert de Niro und vielen anderen. Deans Bilder tauchen in der Show natürlich auch auf, ebenso wie die ihres guten Freundes Derrick Green, seines Zeichens Sänger der Band Sepultura. Mit ihm teilt sie sich auch ein Haus in LA. Nicht der schlechteste Zimmergenosse, wie ich finde…

Wir unterhalten uns über Deans Arbeit, die vielen Plattencover, die er designt und damit auch massivst meine Jugend geprägt hat. Immerhin waren früher meine Wände voll mit Bandpostern und Albumcovern, die zu einem Großteil aus seiner Kamera stammten. Ganz zu schweigen von den Videos, die rauf und runter liefen. Deftones, Marilyn Manson, Queens of the Stone Age, Coal Chamber, Ozzy Osbourne, Slayer, Iron Maiden, The Distillers und wie sie alle heißen, Dean hat sie allesamt auf Film gebannt. Insbesondere mit dem Video zu Mansons Coverversion von „Sweet Dreams“ hat er den visuellen Maßstab für Metal in den 90ern festgelegt. Alles musste sich daran messen. Und nun stehe ich hier in seinem Büro, umringt von stummen Zeitzeugen seiner Arbeit.

Rockstars in den Hollywood Hills

Auszeichnung für 3 Millionen verkaufte Platten mit Deans Cover

Mit Feuereifer dabei

Viele seiner Geschichten sind so wahnsinnig gut und fast schon surreal, dass er gleichzeitig mit mir Gänsehaut bekommt. Ein Indiz, wie er selbst sagt, dass er nicht lügt. „When you see chicken skin on me, you know I ain’t lyin‘“, versichert er mir. Wer würde keine Gänsehaut bekommen, wenn er von sich behaupten könnte, der erste Mensch gewesen zu sein, der bei einem Konzert hektoliterweise Blut auf Slayer* hat regnen lassen dürfen. Oder noch besser, die Show von Iron Maiden bei Rock in Rio* mittels unzähliger Kamerakräne und Helikopter filmen zu dürfen, nachdem man zusammen mit der Band selbst in einem Helikopter zum Festival geflogen wurde, die tobende Menge unter sich.

So lebendig, wie er davon berichtet, hat man fast das Gefühl einem kleinen Jungen zuzuhören, der von seinem ersten großen Weihnachten erzählt. Die Augen leuchten und man sieht das Feuer, das in ihm für die Sache brennt. Leider ist die Kunst des Musikvideos heutzutage vom Aussterben bedroht und alles ist nur noch auf Schnelllebigkeit ausgelegt. Die Entscheidungswege werden durch Mails etc. zwar kürzer, die Budgets aufgrund mangelnder Nachfrage jedoch auch wesentlich schmaler. Niemand nimmt sich mehr die Zeit für Experimente, wie zum Beispiel beim Dreh zu Mansons „Sweet Dreams“. Das Video wurde mit dreierlei Kameras gedreht, von denen eine aus dem zweiten Weltkrieg stammte und dementsprechend gruseliges Material lieferte. Das Video gehört, zusammen mit dem Plattencover des dazugehörigen Albums, ins Museum of Modern Art. Es ist ein Meilenstein der Musikindustrie.

H.R. Giger in meinen Händen

Kurz bevor wir uns aufmachen um etwas essen zu gehen, reicht mir Kim die Skizzen zu Jonathan Davis Mikroständer über den Tisch. “This is what we’re going to get signed tomorrow.“, sagt sie stolz und voller Vorfreude. Ich weiß gar nicht, ob ich diese Blätter überhaupt anfassen möchte. H.R. Giger selbst hat exakt diese Skizzen angefertigt. Der Erschaffer von Alien, dessen Bildbände ich als Teenie verschlungen habe, hat diese Zettel in Händen gehalten und jetzt halte ich sie in meinen. Ich bin geflasht. Jenny kann meine Freude nicht so recht teilen, da unsere Interessen in diesem Punkt etwas auseinandergehen, doch als sie mich strahlen sieht, merkt sie, was mir dieser Moment bedeutet.

Es ist schon fast halb zwei Mittags und wir haben den Vormittag mit quatschen verbracht. Wir sind hungrig und Dean schlägt vor, indisch essen zu gehen. Gesundheitlich bedingt kann Jenny nicht alles bedenkenlos essen, weshalb indisch als sichere Bank gilt. Was kann an Reis, Huhn und Curry schon falsch sein. Als wir mit dem grünen Monster durch Burbank fahren und wir bereits am „Bollywood Café*“ vorbeigefahren sind, frage ich Dean ob wir vorher noch irgendwo hin müssen. „Yeah bud… we’re gonna pick up Casey. I asked him to join us.“

Mittagessen mit einem Rockstar

Höre ich richtig? Hab ich ihn vielleicht falsch verstanden? Sagte er „Casey“? Als meine Synapsen das Ausmaß der Situation begreifen, habe ich plötzlich keinen Hunger mehr. Generell ist mir gerade alles egal geworden. Wir hatten vormittags bereits über einen Casey gesprochen, seines Zeichens Sänger der Band „Amen“, der für mich eine Art Punk Rock Gott ist. Seit 20 Jahren verfolge ich jeden Schritt dieser Band, war bei jeder Tour auf mindestens einem Konzert und habe ihn auch schon mehrfach getroffen, Wodka mit ihm getrunken und sogar gemeinsam Plattenläden unsicher gemacht. Jedes Amen CD Cover ist signiert, mit Widmung versehen und auch die Tourposter, die vereinzelt noch immer an meinen Wänden hängen, tragen Autogramme der kompletten Band. Ich besitze sogar eine seiner von ihm selbst herausgebrachten und handnummerierten „Pisstory“ CD-Boxen. Das darf man wohl mit Recht „Fan“ nennen.

Kann er eben jenen Casey meinen? Die beiden sind dicke Freunde, das weiß ich, doch so ohne jede Vorwarnung auf sein Idol zu treffen ist schon eine Hausnummer. Mir ist erst einmal etwas aus der Hand gefallen, als ich eine Persönlichkeit treffen durfte. Allein schon berufsbedingt ist mir Star-Status relativ egal. Der Kontakt mit Berühmtheiten bringt mich nicht ins Schwitzen. Als ich jedoch bei einer Filmproduktion als Komparse anheuere und nicht wissend, wer der mit D.H. angekündigte Star des Films wohl sein mag, plötzlich Dennis Hopper gegenüberstehe, versagt bei mir jegliche Coolness. Das Brötchen, das gerade noch auf meiner Hand lag, schlägt auf dem Boden auf, ich habe die Hand frei und schüttele sie dem Easy Rider höchstpersönlich. Ein Moment wie kein zweiter.

 
Rockstars in den Hollywood Hills
 

Daheim bei Casey Chaos

In dieser Brötchensituation befinde ich mich auch jetzt wieder, als wir geradewegs auf Casey Chaos Haus zusteuern. „We’re here,“ sagt Dean und fügt ein gutgemeintes „and please don’t make a big fuzz about it“ hinzu. „Nah, I won’t…“ antworte ich und versuche bestmöglich so zu tun, als würde ich jeden Tag das Idol meiner Jugend in seinem Wohnzimmer treffen. Dass er mich wiedererkennt ist höchst unwahrscheinlich, denn optisch habe ich mich seit damals stark verändert. Hinzu kommt, dass unser letztes Treffen fast 13 Jahre zurück liegt.

In der Einfahrt stehen ein Chrysler 300 und eine Art Minivan, mit Duran Duran Stickern versehen. Ein klares Zeichen, dass dies NICHT sein Wagen ist. Als wir schellen, rechne ich fest mit Hundegebell, denn Casey hat einen urhässlichen Mops, der auf den Namen „Iggy“ hört. Wie ich später erfahren muss, ist Iggy vor einiger Zeit gestorben, was Casey an den Rand der Verzweiflung getrieben hat. Ich verstehe das bestens und spare das Thema großräumig aus.

Als die Tür aufgeht, steht ein recht zugehacktes Mädel vor uns. Sie wirkt recht verschlafen oder high. So genau kann ich das nicht erkennen. Mein Blick fällt eher auf die vielen Bilder im Wohnzimmer. Amen wohin das Auge schaut, als Foto, in Öl, als Poster. Hier hängt Musikgeschichte an der Wand. Casey kommt aus einem Flur auf uns zu, begrüßt uns mit Umarmung und heißt uns in seiner Hütte willkommen. Dean inspiziert derweilen die Tattoos der Dame, schiebt die Träger ihres Tops zur Seite und zählt auf, mit welcher der zum Vorschein kommenden Bands er schon gearbeitet hat. Sie scheint das gar nicht wirklich mitzubekommen. „Come on through. Make yourselves at home. I’ll be there in a minute,“ heißt es. Dean nutzt den Moment und sagt ganz leise: „Let‘s check his office. You gotta see this shit.“

Where the magic happens

Caseys Arbeitszimmer ist recht geräumig, mit einem sehr aufgeräumten, modernen Arbeitsplatz in der Mitte. Die Fenster sind mit schweren Vorhängen blickdicht verschlossen, sodass man jegliches Zeitgefühl verliert. Wahrscheinlich braucht man das als Musiker, wenn man sich voll und ganz auf seine Arbeit konzentrieren will.

Die Wände hingegen bestehen ausschließlich aus CDs. Ohne zu übertreiben kann ich sagen, dass diese, in alphabetischer Reihenfolge und nach Genres sortierte CD-Sammlung die größte ist, die ich jemals zu Gesicht bekommen habe. Sie stellt so manchen Plattenladen locker in den Schatten. Tausende von CDs stapeln sich in den Regalen und ich frage mich, wie viel Geld Casey bei Amoeba Records in Hollywood gelassen haben muss. Wahrscheinlich bekommt man dafür ein weiteres Haus.

Als er zu uns stößt, ist er völlig außer Atem. Mit den Worten: „Dean told me you like Amen. This is for you!“, drückt er mir ein Amen-Shirt in die Hand. Er scheint die ganze Zeit nach der passenden Größe gesucht zu haben. Jennys Gesicht spricht Bände. Sie hat die Angewohnheit meine Gefühlswelt in ihrem Gesicht zu spiegeln und ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, stehe ich gerade etwas neben mir. Tatsächlich versuche ich zu verarbeiten wo ich gerade bin und was um mich herum passiert. Um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen, macht Dean noch ein Foto von uns und drängelt uns liebevoll in Richtung Ausgang. Der Mann hat Hunger!

„Are we taking Duran Duran?“, scherzt Dean in der Einfahrt und deutet auf den Minivan. „Nah“, erwidert Casey. „Too technical for me!“ und geht auf den Dodge zu.

Rockstars in den Hollywood Hills

In Casey Chaos Arbeitszimmer

Essen im Bollywood Café

Die Menge an Flüssigkeit, die ich beim Essen verliere, hat nichts mit der Gesellschaft zu tun, in der ich mich befinde, sondern mit dem Schärfegrad des Currys, das ich mir bestellt habe. Glücklicherweise habe ich mich für die milde Variante entschieden und nicht für den Volcano, vor dem mich der indische Kellner ausdrücklich warnt. Er selbst könne das Gericht nicht essen. Für jemanden, der glühende Nägel als Grundnahrungsmittel ansieht, eine recht deutliche Aussage. Dean und Casey sind die Feuersalven des Bollywood Cafés schon gewohnt und verziehen keine Miene, während wir uns über Caseys musikalische Zukunftspläne unterhalten.

Die letzten beiden Jahre hat er viel Zeit in seine alte Band „Disorderly Conduct“ gesteckt und viel neues Material geschrieben, doch leider hat sich die Band kurz vor Veröffentlichung eines neuen Albums wieder zerschlagen. Sehr traurig, bedenkt man die verlorene Zeit und die Arbeit, die in so ein Projekt fließt. Das wäre die Energie gewesen, die ein neues Amen Album sicherlich hätte gebrauchen können.

Rockstars in den Hollywood Hills

Chön charf - Mit Dean Karr und Casey Chaos beim Inder

Auch das schönste Essen muss irgendwann einmal enden und so verabschieden wir uns von Casey, der sich tausendmal dafür bedankt, dass wir ihn eingeladen haben. Er hat noch Termine und setzt seinen Weg zu Fuß fort. Wir hingegen kippen uns im gegenüberliegenden „The Fox and Hounds*“ noch einen Apple Cider hinter die Binde, bevor es wieder zurück zur „Castle Karr“ geht.

Im Zeichen des Films

Den Rest des Tages verbringen wir in Hollywood und Pasadena, wo wir einige Film Locations erkunden wollen. Kill Bill, Halloween, A Nightmare on Elm Street, Zurück in die Zukunft, My name is Earl und Mulholland Drive stehen auf dem Programm und wir werden nicht enttäuscht. Teilweise liegen nur wenige hundert Meter zwischen den Drehorten, was den Trip zu einem absoluten Highlight werden lässt. Das hier muss das Paradies sein. Es geht einfach nicht besser!

Rockstars in den Hollywood Hills

Halloween - Babysitting gone wrong

Rockstars in den Hollywood Hills

"Dick Laurent is dead" - Franks Haus aus Lost Highway

Auf dem Weg zum schönsten Kino der Welt

Dass es doch besser geht, erfahre ich am Abend, als wir wieder zu Dean stoßen und er uns erzählt, dass ein Kinobesuch ansteht. „You guys wanna join? We’re leaving in half an hour to get some wine and then head to the movies.“, heißt es. „It’s a Horror flick… A quiet place. Have you seen the trailer?“ Ich kenne den Trailer und bin schon seit Wochen heiß auf den Film. Ganz ehrlich… ein Besuch in Hollywood ohne einen Film gesehen zu haben, würde einem Sakrileg gleichkommen. Wir springen schnell unter die Dusche und ehe wir uns versehen, sitzen wir zu viert im Challenger. Der V8 spielt sein Lied, das von den Wänden der Villen in den Hills zurückgeworfen wird.

Ohne jeden ersichtlichen Grund wird Dean plötzlich langsamer und hämmert viermal auf die Hupe. Zweimal lang, zweimal kurz, dann setzt er seine Fahrt fort. „What was that for?“, will ich wissen. „That’s for Quentin!“, antwortet er… „We got a code for when we’re heading to the movies.“ Die Frage, welcher Quentin hier wohl gemeint sein könnte, spare ich mir, denn ich weiß, dass er mit Tarantino befreundet ist. Dass die beiden aber so dicht beieinander wohnen, war mir nicht bewusst. In gleicher Entfernung zur anderen Seite der Hollywood Hills lebt übrigens David Lynch, dem er regelmäßig einen Besuch abstattet, um Freitags etwas zu trinken, meist mit Marilyn Manson im Schlepptau.

Für die Runde würde ich glatt mit dem Saufen anfangen.

Wein in der EVO Kitchen

Nach gefühlt 40 unüberschaubaren Kurven und unzähligen Schlaglöchern, wird die Straße wieder breiter und die ersten bekannten Gebäude tauchen am Straßenrand auf. Wir sind am Sunset Boulevard. Statt einen Parkplatz anzusteuern und zum Kino zu laufen, biegen wir an einem gläsernen Bürogebäude ab und fahren in die Tiefgarage. Dean grinst, als er seinen Behindertenausweis an den Innenspiegel hängt, den er einem Vollidioten zu verdanken hat, der ihm ohne Vorwarnung auf den Rücken gesprungen ist und ihm dabei den Fuß zertrümmert hat. „Did I mention, that this isn’t your average cinema?“, fragt er. Ich schaue fragend und wundere mich, was er denn nun schon wieder aus dem Hut zaubert. „This, my friend, is the Directors Guild of America!“

Die Directors Guild of America ist eine Vereinigung von Filmschaffenden aus sämtlichen Bereichen des Unterhaltungssektors und kümmert sich um Einhaltung der Kreativrechte, Renten und Gehaltsansprüche ihrer Mitglieder. Alle namhaften Regisseure sind hier registriert und schauen im hauseigenen Kinosaal Filme zusammen. Für den Normalsterblichen bleiben diese Pforten also in aller Regel verschlossen. Gegenüber der DGA bestellen wir uns in der EVO Kitchen* noch eine Flasche Wein und genießen den Abend. Die EVO Kitchen kann ich übrigens nur empfehlen, ganz egal ob für Wein oder auch italienische Spezialitäten. Das Essen sieht super aus und ist absolut erschwinglich. Ein kleiner Geheimtipp am Rande also…

Die Directors Guild of America

Die DGA selbst erinnert in keiner Weise an ein herkömmliches Kino. Das Foyer ist riesig und wirkt mit der monströsen Lichtinstallation über dem Empfang fast schon einschüchternd. Alles ist komplett clean und durchgestylt. Nichts erinnert auch nur im Entferntesten an ein Kino. Kein Popcorn, kein Getränkestand, keine Kasse, keine Filmposter. Lediglich einige Szenen in schwarz-weiß schmücken die Wände und geben einen dezenten Hinweis auf das eigentliche Thema des Gebäudes. Würden diese wegfallen, könnte man genauso gut auch im Foyer des US Bank Towers stehen.

 
Rockstars in den Hollywood Hills

Die Directors Guild of America

 

Vor einer schweren Holztür sitzt ein Filmstudent an einem provisorischen Tisch und hakt Namen auf einer Liste ab. Unsere Namen stehen logischerweise nicht darauf, doch Dean hat uns als „extra“ angekündigt, sodass wir ohne Probleme unseren Weg in eine der vorderen Reihen antreten können. Dean und Kim haben ihre Stammplätze in der zweiten Reihe des modernen Kinosaals, der von der Größe her eigentlich gar nicht in das Gebäude passen kann. Von außen jedenfalls würde man derartige Dimensionen nicht erwarten und vor einem der großen Multiplexkinos muss sich die DGA definitiv nicht verstecken.

Filmvergnügen mit prominentem Sitznachbarn

Dean stellt uns seinen Sitznachbarn vor, einen älteren Herrn mit grauem Haar, den ich absolut nicht einzuordnen weiß. Wir reden kurz über Deutschland und den Film, den wir uns gleich anschauen werden, tauschen Belanglosigkeiten aus und lassen uns letztendlich in die bequemen Sessel gleiten. Hätte ich gewusst, dass ich mit Ken Stewart rede, dem Erfinder der Coca Cola Eisbärenwerbung, hätte ich vielleicht ein interessanteres Gesprächsthema gewählt. Offensichtlich lerne ich heute nur Berühmtheiten kennen.

Als ich mich umdrehe und meinen Blick durch die Reihen schweifen lasse, versuche ich nicht daran zu denken, wen ich möglicherweise im Nacken sitzen habe. Würde ich Michael Mann erkennen oder Sam Raimi? Sitzt Brian Yuzna vielleicht hinter mir? Ich versuche einfach nicht daran zu denken.

Noch nie habe ich in einem Kino eine solche Stille erlebt. Niemand hustet, es gibt keine knisternden Chipstüten oder den Sound von leeren Getränkebechern, aus denen jemand mit einem Strohhalm den letzten Milliliter herauszusaugen versucht. Alle haben Respekt vor dem Medium Film und schauen gebannt auf die Leinwand, die mit einem so unfassbar scharfen Bild daherkommt, dass der bombastische Sound fast nebensächlich erscheint. Hier in Hollywood weiß man ganz offensichtlich nicht nur wie man Filme dreht, sondern auch wie man sie vorführt. Alles in allem ist dies mein angenehmstes Kinoerlebnis aller Zeiten, obwohl der Film bestenfalls als gutes Mittelmaß durchgeht.

 
Rockstars in den Hollywood Hills

Mit Kim und Dean bei Mäckes

 

Wesentlich besser als nur Mittelmaß entpuppt sich der Burger, den ich mir nach dem Film bei McDonald’s ins Gesicht drücke. Den Geschmack mit der pappigen Scheiße zu vergleichen, die es in Deutschland gibt, fällt mir schwer. Natürlich ist das Essen hier auch Müll, aber eben leckerer Müll. Ich bin wirklich überrascht, dass der Unterschied so groß ist.

Heimfahrt mit Überraschung

Eine weitere Hupattacke auf Tarantinos Haus später kommen wir wieder daheim an und parken das muskelbepackte Vehikel in seiner dunklen Höhle. Als wir durch das Tor gehen wollen, fällt Dean auf, dass es jemand zugezogen hat. Der Stein, der es offen hält, liegt in einem Beet.

Schnell ist der Übeltäter ausgemacht, denn hinter dem Zaun kommt uns eine etwas korpulente Dame entgegen, die sich lauthals darüber beschwert, dass sie seit einer guten halben Stunde versucht vom Grundstück zu kommen. Ist das Tor nämlich einmal ins Schloss gefallen, lässt es sich nur per Code wieder entriegeln. Die Dame ist gebaut wie Spiderman, nur dass sie statt von einer Spinne von einem Schwein gebissen wurde und der niedrige Zaun somit eine unüberwindbare Hürde darstellt.

Auf Deans Frage, was zum Teufel sie überhaupt auf dem Grundstück zu suchen hat, erzählt sie uns, dass sie Thai-food geliefert hat. „We didn’t order any fuckin‘ thai!!“, gibt Dean ihr zu verstehen, doch sie lässt sich nicht davon abbringen und besteht darauf, endlich gehen zu können. Das Essen sei bezahlt und stehe vor der Tür. Wir schauen uns alle ungläubig an und schauen zu wie sie wegfährt, vollkommen fertig mit der Welt.

Als wir die Haustür erreichen, warten drei Tüten voll köstlicher Thai-Leckereien auf uns. Wie sich später herausstellt, hat ein Musiker aus Portland, mit dem Dean vor kurzem hier im Haus das Design seines neuen Plattencovers besprochen hat, das Essen für sich und seine Freunde via App geordert. Dabei hat er allerdings vergessen die Adresse zu aktualisieren, denn als Lieferort war immer noch Deans Haus in den Hills eingespeichert. In Portland sitzen nun sicherlich mindestens 8 hungrige Mäuler, denn der Kassenzettel in einer der Tüten offenbart einen Warenwert von knapp 120$. Essen für die nächsten drei Tage steht auf der Küchenzeile.

Rockstars in den Hollywood Hills

Küche mit Vollausstattung - Affenköpfe, Aliens...

Rockstars in den Hollywood Hills

...und Katzenmumien

Geplatztes Date

Die Toilettenschüssel ist heute wirklich nicht zu beneiden. Burger zum Frühstück, Indisch zum Mittag und Thai zum Abendessen. Herzlichen Glückwunsch. Hoffentlich kriegt der Thron das bewältigt.

Pappsatt begeben wir uns, nach einer weiteren Flasche Wein, total übermüdet und reizüberflutet in unser Zimmer. Wir werfen einen letzten Blick auf die Universal Studios* und die Türme von Hogwarts, die sich vor unserem Fenster auftun.

Downtown steht für morgen auf dem Programm. Trotz vieler Nachrichten und Verabredungen lässt Jonathan Davis unser Backstage-Date platzen. Nach einer langen Tour ist er wieder im Schoße der Familie unterwegs und hat offenbar keine Lust auf Business. Wir werden die Show demnach alleine besuchen.

Während des Konzerts stehen seine Frau und die Kinder auf dem Balkon neben der Bühne und man sieht, wie sehr er es genießt, dass sein Soloprojekt endlich auf eigenen Beinen steht. Ein kleiner Trost für das ausgefallene Meet & Greet und letztendlich gehe ich auch nicht mit leeren Händen nach Hause.

Rockstars in den Hollywood Hills

Signiertes Drum-Fell...

Rockstars in den Hollywood Hills

...vom Jonathan Davis Konzert

Die Tage in den Hills sind die mit Abstand bemerkenswertesten der ganzen Reise, denn hinter jeder Tür lauern neue Geschichten, fragwürdige Utensilien und Gegenstände, die einem aus irgendwelchen Videos bekannt sind.

Rockstars in den Hollywood Hills

Allerlei dreiköpfiges Getier und was das kranke Herz sonst noch so begehrt

Rockin' out

Die Gitarren im Esszimmer zum Beispiel, die unter einem zur Fledermaus umfunktionierten, ausgestopften Opossum stehen, sind allesamt Geschenke und Danksagungen für gedrehte Videos, gefilmte Touren oder vollendete Plattencover. Soweit ich die vielen Unterschriften entziffern kann, stehen vor mir Gitarren von Korn, Slayer, Kiss, Iron Maiden, Napalm Death, Tommy Lee, Ministry, Zakk Wylde, Rob Zombie und sogar den Sex Pistols. Eine der Klampfen von Kiss wird mir eines Abends einfach wortlos in den Schoß gelegt. Als ich die Unterschrift entdecke, läuft es mir eiskalt den Rücken runter… KISS… Aaaaalter.

Rockstars in den Hollywood Hills

Gitarren über Gitarren

Generell verbringen wir fast jeden Abend auf der Couch, ziehen uns Musikvideos rein und fachsimpeln über „the good old days“. Es ist befremdlich, in den USA Videos von Rammstein zu schauen und einen der begnadetsten Regisseure dabei beobachten zu können, wie er dazu abgeht, als gäbe es kein Morgen mehr. Er bedauert, dass die Jungs von Rammstein so festgelegt sind auf ihren Regisseur. Er würde liebend gern für das nächste „Mein Teil“ verantwortlich sein.

Immer wieder fällt uns, zu den Videos passend, sein in dickes Leder eingefasstes Buch in die Hände, in dem die besten Arbeiten zusammengefasst sind. Seine Sedcard, wenn man es so nennen will. Stunden wert an Geschichten sind darin versammelt.

 
Rockstars in den Hollywood Hills
 

Geschichten aus der Rock’n’Roll Hall of fame

Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass das Cover zu Tools Album „Undertow*“ nicht einfach nur ein digital angefertigtes Ding zeigt, sondern eine Skulptur, an der Dean und Adam Jones, Gitarrist der Band, monatelang gearbeitet haben. Sie haben sich in einem kleinen Atelier in Downtown eingeschlossen und durchgehend an dem brustkorbartigen Objekt gefeilt, bis es ihren Vorstellungen entsprach. Zudem ist das Schwein, das auf der Rückseite des Covers mit dem einrasierten Schriftzug „Undertow“ zwischen Gabeln posiert, tatsächlich Adam Jones Hausschwein. Es wurde jedoch weder rasiert, noch in die Nähe einer Gabel gebracht. Die Rasur wurde nachträglich am Computer generiert. Alt geworden ist Moe, so hieß das Schweinchen, auf einer Farm des Kyuss-Bassisten Scott Reeder.

Wirklich erstaunlich ist auch das Cover zu A Perfect Circles „Thirteenth Step*“. Die Szene auf dem Cover war ein Zufallsprodukt des eigentlichen Shootings in Big Sur. Jemand entdeckte die große Bananenschnecke und legte sie dem Model aufs Gesicht. Dem Rest des Booklets kann man Big Sur auch nicht wirklich anmerken, bedenkt man die Vielzahl an landschaftlichen Möglichkeiten der Gegend. Völlig unpassend zum Cover, ist „Thirteenth Step“ in Anlehnung an ein 12-Stufen-Programm zur Drogenentwöhnung zu deuten. Der „13.Step“ ist der, die vorangegangenen 12 harten Schritte zu vergessen und wieder ein normales Leben zu führen. Eine Schnecke passt da so gar nicht ins Konzept, doch ein Säufer mit einer Flasche Wein hätte das Ziel mit Sicherheit ebenso verfehlt.

Kein Alkohol ist auch keine Lösung

Wein ist auch die Konstante, die sich wie ein buchstäblich roter Faden durch unseren Aufenthalt in Hollywood zieht. Rotwein ist allgegenwärtig im Haus und wir hoffen, dass wir unseren Konsum daheim wieder in geregelte Bahnen gelenkt bekommen. Normalerweise sind wir Genusstrinker, aber da Rock’n’Roll hier die Devise ist, gibt es Wein aus verschlissenen Plastikbechern vom Wacken Festival. Rex Goliath, so heißt der gute Tropfen, liegt bereits zur Begrüßung auf unserem Bett und von dem Zeitpunkt an auch in jedem Einkaufskorb. Die Marke sei jedem USA Urlauber ans Herz gelegt, der nicht auf Genuss verzichten, aber auch nicht arm werden möchte.

Eines weingeschwängerten Abends frage ich Dean, wo denn Kim sei und er antwortet mir, dass sie zusammen mit John Travolta und Olivia Newton-John beim 40-jährigen Geburtstag von „Grease“ in der DGA sei. Er habe keine Lust gehabt und wolle stattdessen den Abend zuhause verbringen. Der Satz klingt so profan aus seinem Munde, als hätte er gesagt, er wolle heute nicht fernsehen, sondern stattdessen seine Socken ordnen. Währenddessen kratzt er Essensreste von seinem Teller und kippt sie auf den Komposthaufen hinter der Küchentür, an dem sich nachts immer die Waschbären bedienen. Was auch immer man auf den Haufen wirft, es ist morgens verschwunden. Magic!

Ich kann jedenfalls nicht wechseln und nehme das Gesagte einfach mal so hin… Hollywood lässt grüßen.

 
Rockstars in den Hollywood Hills

Cypress Hill - Rock Superstar

 

Schlusswort

Was kann ich abschließend sagen? Wenn du bis hier gelesen hast, wirst du wahrscheinlich verstehen, dass diese zehn Tage mein Leben verändert haben. Noch nie habe ich in so kurzer Zeit so viel erlebt und so viele Dinge mit eigenen Augen gesehen, die ich sonst nie für möglich gehalten hätte. Hollywood ist abseits des Boulevards zu einer zweiten Heimat geworden, die sich von Anfang an einfach richtig angefühlt hat, mit all ihren Schichten, den merkwürdigen Charakteren und der wahrlich unbegrenzten Auswahl an Möglichkeiten.

Felt like home… Danke, Dean!

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